Fashion.
Bruce Gilden
& Martin Parr
Das Louis-Vuitton-Täschchen hängt am Metzgerhaken zwischen dem Fleisch und schrille Designertaschen landen auf bunten Klobürsten: Wenn Martin Parr fotografiert, dann ist der Abstand zwischen Schock, Witz und Effektoptimierung minimal.
Brude Gilden agiert mindestens auf Augenhöhe in punkto Können und Konventionen-Sprengen. Die High Heels kleben mit Kaugummi am Straßenpflaster fest. Und die Models werden bei den Shoots mit den Passanten konfrontiert, mit denen sie sonst vermutlich am wenigsten zu tun haben: den Charakteren, die jenseits der Norm liegen.
Zwei Starfotografen, zwei Stile, eine gemeinsame soziale Mission: Das bündelt die frappierende Präsentation im Kunstfoyer München. Sowohl dem Amerikaner Bruce Gilden (* 1946, lebt in New York) als auch dem Briten Martin Parr (1952-2025) geht es um ein Spiel mit der Erwartungshaltung und das Verlassen der Komfortzone, ums Aufdecken von gesellschaftlichen Räumen und Gepflogenheiten. Beide schaffen dabei den Spagat zwischen Schönem und Schrillen. Beide wurden wohl auch genau deswegen von führenden Fashion-Labels und -Magazinen beauftragt, die auf einen besonderen Werbemechanismus setzten: den der Überraschung und des Stilbruchs. Mit Art Prints, Wallpaper-Formaten und einer überbordenden Collage aus über hundert Fashion Shots wird das in der Ausstellung in Szene gesetzt.
Mode ist im Grunde ein Heischen um Aufmerksamkeit, eine Form der Selbstdarstellung, die noch nie so viel Raum eingenommen hat wie heute. Gilden und Parr beschäftigen sich damit schon seit Jahrzehnten. Sie fokussieren, dass das äußerliche Erscheinungsbild Identitäten und Zugehörigkeiten stiftet und verstehen Mode als eine Form gesellschaftlicher Inszenierung, die sich auf der Straße ebenso abspielt wie auf dem Laufsteg. Sie bringen die nur scheinbar weit entfernten Welten - Cat Walk und Street Photography - auf ihre sehr unterschiedliche Art zusammen.
Ihre jeweils unverwechselbare Handschrift entwickelten sie nicht im Umfeld der illusorischen Glitzerwelt der Fashion, sondern im öffentlichen Raum und in der direkten Begegnung mit Menschen, stets auf der Suche nach Authentischem und dem Witz des wahren Lebens. Wenn sie ihre Kameras auf die Mode-Blase richten, geben sie diese Haltung nicht auf - im Gegenteil.
Für Martin Parr ist Mode ein Teil des Alltagstheaters. Als Brite ist er besonders sensibel für gesellschaftliche Klassen und deren Erkennungsmerkmale: Kleidung, Uniformen, Accessoires, Marken, aber auch Gesten oder Verhaltensweisen. In verschiedenen Foto-Serien befasste er sich schon lange vor den Fashion Shots mit den teils skurrilen, vor allem isoliert sehr absurd wirkenden Details der Communities. Bei den Modeaufnahmen spitzt er das Sezieren von Codes noch zu, indem er unterschiedliche Insignien von Status, Konsum, Freizeitverhalten oder Körperidealen zusammenbringt und gegensätzliche Umfelder kombiniert. Damit zeigt er genau das Paradoxon der Modewelt auf: Exklusivität versus Massenkonsum, Individualität versus Gruppenkodex. Seine quietschbunten Kombinationen, sei es unter der Trockenhaube oder am Strand, treiben beides auf die Spitze: Sie sind Eyecatcher für die Mode und für eine Sozialanalyse.
Bruce Gilden ist auf der Straße zuhause: Völlig ohne Berührungsängste und mit einer überwältigenden Direktheit erreichte er seine fotografische Handschrift der Unmittelbarkeit. Intensive, körperlich oft immens nahe Begegnung mit Menschen werden in den Aufnahmen spürbar. Die Straßen New Yorks waren von Anfang an seine Lehrmeister und sein Atelier, in denen er Persönlichkeiten aufspürte, die aus der Menge herausstachen. Es sind Gesichter, die alles andere als reibungslose Lebensläufe erzählen. Dazu gehört auch seine langjährige Faszination für die Welt der Mafia und ihre Codes, über die Macht, Männlichkeit und Zugehörigkeit sichtbar werden: im Blitzlicht, hautnah, spontan. Die logische Konsequenz ist die Gangster Fashion - künstlerisch auf Abstand gebracht und ästhetisiert in Schwarz-Weiß.
Kontraste und Exzentrik sind dabei die Steilvorlage, auf die sich die Modelabels gestürzt haben: Gucci, Balenciaga, Dolce & Gabbana, Diesel und Burberry und Magazine wie Vogue Hommes, The New York Times Magazine, Purple oder L’Officiel gehören zu Bruce Gildens Auftraggaeber. Martin Parr arbeitete unter anderem für Chanel, Louis Vuitton, Gucci, Versace, Dior, Balenciaga, Jacquemus und Paul Smith sowie Publikationen von Vogue, Elle, Numéro und Vanity Fair. Diese exquisiten Mode- und Zeitschriftenmarken engagierten die zwei Fotografen nicht, damit sie sich ihrer üblicherweise geglätteten Hochglanz-Bildsprache anpassten, sondern wegen ihres unverwechselbaren Blicks, der die Makellosgkeit bröckeln lässt. Das Ergebnis ist eine Sozialstudie, die der Oberflächlichkeit der Mode gegenübersteht, die mit Direktheit, Ironie, und Widersprüchlicheit gefangen nimmt. Und nichtsdestotrotz durch Ästhetik.
BIOGRAPHIEN
Bruce Gilden
Bruce Gilden wurde 1946 in Brooklyn, New York, geboren. Nach einem kurzen Soziologiestudium an der Penn State University brach er das College ab und beschloss 1967, Fotograf zu werden. Abgesehen vom Besuch einiger Abendkurse an der School of Visual Arts in New York betrachtet sich Gilden weitgehend als Autodidakt.
Gilden begann seine Karriere auf den Straßen New Yorks, wo er seine unverwechselbare, unmittelbare Art der Street Photography entwickelte. Mit Kamera und Blitz nähert er sich seinen Motiven aus nächster Nähe und richtet seinen Blick auf Gesichter, Körper, Gesten und individuelle Erscheinungsformen. Bedeutende Werkzyklen entstanden später unter anderem in Haiti, Japan, England, Frankreich, Irland, Indien und an zahlreichen Orten in den USA. Serien wie Coney Island, GO, Beautiful Catastrophe und Faces zeigen seine besondere Faszination für Menschen, die durch ihr Aussehen, ihre Haltung oder ihre Persönlichkeit aus der Menge hervorstechen.
Diese Aufmerksamkeit für Erscheinungsbild und Selbstdarstellung prägt auch Gildens Arbeit im Bereich der Mode. Neben seinen persönlichen Projekten arbeitete er für internationale Marken wie Louis Vuitton, Dolce & Gabbana, Gucci und Balenciaga sowie für Magazine wie Vanity Fair, GQ, Vogue Homme und das New York Times Magazine. Auch in diesen Auftragsarbeiten bleibt seine fotografische Handschrift unverkennbar: Mode wird bei Gilden weniger inszeniert als vielmehr Teil einer direkten Begegnung mit Menschen, ihren Körpern, Gesichtern und ihrer Individualität.
Für seine Arbeit erhielt Gilden zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien, darunter mehrere Stipendien des National Endowment for the Arts, Unterstützung durch die New York State Foundation for the Arts, ein Künstlerstipendium der Japan Foundation sowie ein Guggenheim-Stipendium im Jahr 2013. Seit den 1970er-Jahren wird sein Werk in Museen und Galerien auf der ganzen Welt ausgestellt.
Bruce Gilden hat über dreißig Bücher veröffentlicht, darunter Facing New York, Coney Island, GO, Face, Lost and Found, Cherry Blossom, Black Country, The Circuit und Haiti. Seit 1998 ist er Mitglied von Magnum Photos. Er lebt in Beacon, New York.
Martin Parr
Martin Parr wurde 1952 in Epsom, Surrey, geboren und studierte von 1970 bis 1973 Fotografie am Manchester Polytechnic. Bereits in seinen frühen Arbeiten entwickelte er ein besonderes Interesse am britischen Alltag, an gesellschaftlichen Ritualen, Freizeitkultur und den sichtbaren Zeichen sozialer Zugehörigkeit.
Seit den 1980er-Jahren wurde Parr mit seiner unverwechselbaren, farbintensiven Bildsprache international bekannt. In Serien wie The Last Resort, The Cost of Living, Small World, Common Sense und Luxury untersuchte er Konsum, Tourismus, Geschmack, Status und gesellschaftliche Konventionen. Kleidung, Accessoires und Marken spielen dabei immer wieder eine zentrale Rolle: Sie werden zu Zeichen von Identität, sozialer Zugehörigkeit und Selbstdarstellung. Parrs direkter Blick, seine Vorliebe für Nahaufnahmen und seine bewusst gesättigten, bisweilen grellen Farben prägen auch seine Modefotografie.
Neben seinen persönlichen Projekten arbeitete Parr über mehrere Jahrzehnte hinweg regelmäßig für internationale Modemarken und Magazine. Zu seinen Auftraggebern gehörten unter anderem Gucci, Balenciaga, Paul Smith, Jacquemus und Zara; seine Modefotografien entstanden unter anderem für Vogue, Vogue Italia, Vogue USA und Vanity Fair. Seine Auftragsarbeiten verbinden die Codes der Modefotografie mit seinem charakteristischen Blick auf Konsum und Gesellschaft. Mode erscheint bei Parr nicht als isolierte Welt, sondern als Teil jener alltäglichen Kultur aus Gesten, Körpern, Gegenständen, Geschmack und sozialen Ritualen, die im Zentrum seines gesamten fotografischen Werks steht.
Parrs Arbeiten wurden weltweit ausgestellt und befinden sich in zahlreichen bedeutenden öffentlichen und privaten Sammlungen. Er veröffentlichte über hundert eigene Fotobücher und war zugleich ein bedeutender Sammler und Kenner des Mediums Fotobuch. 2017 gründete er in Bristol die Martin Parr Foundation, die sich der britischen und irischen Fotografie sowie der Bewahrung seines eigenen Archivs widmet.
Martin Parr wurde 1994 Vollmitglied von Magnum Photos und war Präsident zwischen 2013 und 2015. Er starb am 6. Dezember 2025 in Bristol.




















